Und Gott sprach zum Menschen:

Ich bin der Wind, der sich unter deinen Flügeln ausbreitet und dich fliegen lässt, kleiner Vogel.

Und dann trug er ihn sanft hinauf und ließ ihn durch die Lüfte gleiten.

Er sprach:

Ich bin das Wasser, das sich unter deine Flossen legt und schwimmen lässt, kleiner Fisch.

Und dann spülte er ihn hinaus auf‘s offene LebensMeer und ließ ihn treiben.

Er sprach:

Ich bin die Erde, die dir mit deinen Wurzeln Halt gibt und die Stürme des Lebens bestehen lässt, kleiner Setzling.

Und dann gab er ihm den Grund zu wurzeln und ließ ihn Richtung Sonne wachsen.

Er sprach:

Ich bin die Amme, die dich nährt und behütet, alle Tage deines Lebens, kleiner Zögling.

Und dann umarmte er ihn, reichte er ihm seine Brust und ließ ihn in seinem Schutz gedeihen.

Eines Tages aber,

als es dem Vogel nicht mehr genügte einfach im Lebenswind zu segeln, weil er selbst die Flugrichtung bestimmen wollte und die Geschwindigkeit seiner Reise;

als der Fisch mehr sein wollte als ein Spielball der Gezeiten und sein Element bis auf den Grund erforschen und beherrschen wollte;

als der Baum beschloss, nicht länger auf der Stelle treten, sondern etwas erleben zu wollen;

als der Zögling der Amme Brust als eintönig und fad überdrüssig geworden war und ihren Schutz als einengend empfand, weil es ihn nach anderen Dingen und dem Geschmack von Freiheit und Abenteuer gelüstete,

da verschloss der Mensch seine Ohren vor Gottes Worten, wand seinen Blick von ihm ab und schlug seine ihn umfangenden Arme mit aller Macht von sich.

Gott nahm dies zur Kenntnis, ließ ihn jedoch gewähren, wissend um die Konsequenzen, die daraus erwachsen würden, dass seine Schöpfung ihren Platz im ewigen Kreislauf des Seins verkannte und sich viel wichtiger und bedeutender nahm, als er es jemals sein würde.

Und so nahm das Schicksal seinen Lauf und Gottes so scheinbar mächtiges Geschöpf hört bis heute noch immer nicht wieder zu, verschließt weiter die Augen und verweigert Gott seine Hand und hat es offensichtlich bis heute nicht verstanden, wohin der von ihm eingeschlagene Weg ihn führen wird.

Und dennoch lächelt Gott versöhnlich, während er mit offenen Armen am WegEnde steht und auf ihn wartet, um ihm zu sagen:

Ich bin der Schöpfer des ewigen Kreislaufs des Lebens, ich warte auf dich und heiße dich willkommen in den Weiten der Unendlichkeit – trotz allem.


Alle auf dieser und den folgenden Seiten verwendeten Texte und Fotografien sind urheberrechtlich geschützt. Solltest Du diese oder Teile hiervon verwenden wollen, wende Dich bitte an die Autorin – anja@gezittert-gereimt.de – ein Text von Anja Allmanritter, Koblenz